Der in Hamburg weilende KP-Funktionär Jelzin gibt die Anzahl der Todesopfer mit 2 (!) an. 154 Menschen befinden sich laut Jelzin noch in Krankenhäusern.

Moskau (dpa): Der sowjetische Ministerpräsident Ryschkow und andere führende Politiker haben am Freitag das Gebiet des Kernkraftwerks Tschernobyl in der Ukraine inspiziert. Das meldete gestern die amtliche Nachrichtenagentur TASS. Die Abreise Ryschkows aus Moskau nach Tschernobyl war in Moskau nicht mitgeteilt worden. Ryschkow ist eines der zwölf Vollmitglieder des Politbüros, dem höchsten Führungsgremium der UdSSR. Laut TASS begleitete ihn auf der Inspektionsreise auch ZK-Sekretär Ligatschow, der ebenfalls einen Sitz im Politbüro hat. Beide Politiker hätten sich im Gebiet des Atomkraftwerks über die Situation unterrichtet, hieß es bei TASS. In dem Bericht hieß es weiter, daß Ryschkow und Ligatschow gemeinsam mit der zur Untersuchung des Unglücks eingesetzten Regierungskommission sowie der unkrainischen Partei- und Regierungsführung und örtlichen Vertretern die zur Überwindung des "Unglücksherdes", der Normalisierung der Lage im angrenzenden Gebiet und der Hilfsmaßnahmen für die örtliche Bevölkerung ergriffenen Maßnahmen erörtert hätten. Es sei festgestellt worden, daß die Arbeiten zur Beseitigung der Unglücksfolgen "organisiert verlaufen", schrieb TASS. Dabei würden die "erforderlichen Mittel" eingesetzt werden. Auch seien zusätzliche Maßnahmen beschlossen worden, um die eingeleiteten Arbeiten zu beschleunigen. In diesem Zusammenhang nannte TASS keine weiteren Einzelheiten. An der Inspektion vor Ort nahmen laut TASS auch der Parteichef der Ukraine, Politbüromitglied Schtscherbizki, der ukrainische Ministerpräsident Ljaschko, der Kiewer Parteichef Rewenko sowie der stellvertretende UdSSR-Ministerpräsident Schtscherbina, teil. Schtscherbina leitet die zur Feststellung der Unglücksursachen eingesetzte Regierungskommission. Ryschkoaw und Ligatschow hätten auch mehrere Ortschaften besucht. Wie TASS berichtete, hätten sie dort mit Werktätigen gesprochen, die "vorübergehend" aus dem Gebiet des Kernkraftwerks evakuiert worden sind.
Satellitenbilder zeigen Rauch
Stockholm (Reuter): Auf Satellitenfotos, die am Freitag aufgenommen wurden, ist noch Rauch über Tschernobyl zu sehen. Die Fotos des kommerziellen Satelliten "Landsat" wurden nach einer Computeranalvse im schwedischen Fernsehen gezeigt. Per Persson vom schwedischen Atomindustrieverband sagte, der auf den Bildern erkennbare Rauch über der Kraftwerksanlage treibe nach Südwesten.
Kritik Bushs an Moskau
Chicago (dpa): US-Vizepräsident Bush hat die Sowjetunion am Freitag wegen ihrer Informa- tionspolitik im Zusammenhang mit dem Reak- torunglück scharf kritisiert. Das Verhalten Moskaus, die Fakten nicht offenzulegen, sei einfach unverantwortlich, sagte Bush. Dadurch würden auch die Bemühungen der USA behindert, jenen zu helfen, die Hilfe benötigten. Bush, der vor der größten Vereinigung von Amerikanern polnischer Abstammung in Chicago sprach, erklärte, die Situation um Tschernobyl würde sich verbessern. Sie würde weiterhin von Washington genauestens beobachtet, um die Schwere der Auswirkungen beurteilen zu können. Die amerikanische Botschaft in Moskau gab gestern bekannt, die sowjetische Regierung habe einer amerikanischen Strahlungsmeßgruppe, zu der auch Angehörige der amerikanischen Armee zählten, die Einreise erlaubt. Die Gruppe solle Strahlungsmessungen an Gewässern in der Umgebung Moskaus und an landwirtschaftlichen Erzeugnissen vornehmen. Dies geschehe vor allem im Interesse der in Moskau lebenden Amerikaner. Die in den nord-, ost- und mitteleuropäischen Ländern gemessenen Strahlenwerte sind indessen weiter zurückgegangen.
Der Tagesspiegel, 4.5.1986
Tatsächlich steigt die Temperatur im Reaktorkern weiterhin. Sie erreicht einen Spitzenwert von 2000°C. Um das Durchschmelzen zu verhindern, wird gasförmiger Stickstoff unter hohem Druck in den Bereich um den Kern geblasen. Immer noch werfen Hubschrauber Material über dem Kraftwerk ab.