Tschernobyl - Tag 6

Die "Havarie" ist so gut wie vorüber - so sieht es zumindest der sowjetische Ministerrat. Am Mittwochabend wird im sowjetischen Fernsehen eine entsprechende Erklärung verbreitet. Dabei werden Bilder des Reaktors gezeigt. Der Brand scheint gelöscht zu sein... Dabei stößen die sowjetischen Offiziellen in das gleiche Horn wie deutsche Politiker und Industrielle, die inzwischen wortreich beteuern, daß keinerlei Gefahr bestehe.

der Reaktor
Aufnahme des sowjetischen Fernsehens vom Reaktor


Zeitungsausschnitt: TASS: Emission ist in Tschernobyl zurückgegangen

Moskau (DW-zus.): Im ukrainischen Kernkraftwerk (KKW) Tschernobyl wird weiter an der Beseitigung der Folgen der Havarie gearbeitet, meldete TASS. Wie der Ministerrat der UdSSR mitteilte, ist im Ergebnis der eingeleiteten Maßnahmen in den zurückliegenden 24 Stunden die Emission radioaktiver Stoffe zurückgegangen und hat sich die Radioaktivität im Bereich des KKW und der Kraftwerksiedlung verringert. Messungen mit Kontrollapparaturen lassen darauf schließen, daß keinerlei Kettenreaktion der Kernbrennstoffspaltung vor sich geht und der Reaktor abgedrosselt ist. Zur Reinigung des verseuchten Geländes sind Spezialtrupps eingesetzt worden, die mit der erforderlichen modernen Technik und wirksamen Mitteln ausgerüstet sind. Zu den im Westen verbreiteten Gerüchten, wonach Tausende von
Menschen der KKW-Havarie zum Opfer gefallen seien, heißt es in der Mitteilung: Wie bereits berichtet, sind zwei Menschen ums Leben gekommen. 197 Personen wurden zur stationären Behandlung eingeliefert und davon sind 49 nach der Untersuchung aus dem Krankenhaus wieder entlassen worden. In den Industrie- und Landwirtschaftsbetrieben sowie Institutionen läuft die Arbeit normal. Der Ministerrat der Ukraine informierte unter Berufung auf die Regierungskommission, daß sich die Strahlungssituation im Kernkraftwerk Tschernobyl und in seiner Umgebung bessert. Der Luftzustand auf dem übrigen Territorium von Gebiet und Stadt Kiew gebe zu keinerlei Besorgnis Anlaß. Die Qualität von Trinkwasser sowie der Flüsse und Gewässer entspreche der Norm. Der Umweltzustand werde laufend überwacht.
Die Wahrheit, 2.5.1986


Tatsächlich läuft inzwischen die Evakuierung der Stadt, die der Katastrophe ihren Namen gibt: Tschernobyl. Aus der 30-Kilometer-Zone werden nach offiziellen Angaben insgesamt 89.000 Menschen umgesiedelt. Im späteren Abschlußbericht der Kreml-Führung ist von 135.000 Menschen die Rede, die ihre Häuser verlassen müssen. Fast zehn Jahre danach wird sich die Zahl nach einem Bericht des Generalsekretärs der Vereinten Nationen auf rund 400.000 verdreifacht haben.

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