Die Aufräumarbeiten nach der Katastrophe

Aufräumen nach dem Super-Gau
Bis zu 65% des Cäsium-Inventars und bis zu 85 % des Inventars an radioaktivem Jod wurden nach dem Super-Gau freigesetzt. Vermutlich liegen noch zwischen 27 und 135 Tonnen Brennstoff im zerstörten Reaktor in Form von geschmolzener, kristalliner Lava und als feinverteilte Kernbrennstoffpartikel. Bereits einen Tag nach der Explosion wurden zwangsverpflichtete Freiwillige, darunter viele Jugendliche aus Pripjat und den umliegenden Dörfern, zusammengerufen, um Sand in Säcke zu schaufeln. Diese Säcke wurden dann mit Hubschraubern über die Ruine des Reaktors geflogen und abgeworfen. Gewissermaßen als Erste-Hilfe-Maßnahme um den Brand zu ersticken. Den Menschen erzählte man, es bestünde keine Gefahr. Erst 36 Stunden nach dem Unfall begann man mit der Evakuierung der ersten 50.000 Menschen.

der Reaktor

Insgesamt 800.000 sogenannte Liquidatoren mußten völlig ungeschützt mit Schaufeln und Hacken radioaktiven Schutt und Graphitstücke ins glühende Reaktorinnere befördern. Bei diesen Selbstmordeinsätzen durften sie sich höchstens 70 Sekunden lang der Strahlung aussetzen. Unteroffiziere mit Stoppuhren zählten laut die Sekunden. Schon nach wenigen Tagen wiesen sie ein Vielfaches der zulässigen Jahresdosis auf.


Deutsche Technik versagte
Die Schwierigkeiten, die die Aufräumarbeiten begleiteten, können nicht nur als Folge der unzureichend entwickelten Katastrophentechnik in der damaligen Sowjetunion angesehen werden. Eigens aus Deutschland angelieferte Robotfahrzeuge, die die für Menschen tötliche Arbeit übernehmen sollten, versagten sofort in den Strahlenfeldern!


China-Syndrom drohte
Nachdem das Feuer im Reaktor unter Tonnen von Sand, Carbid, Bor und Blei erstickt war, wurde eine neue Bedrohung deutlich. Die lavaartige Glut des Reaktors schmolz langsam das Fundament des Gebäudes. Der Reaktorkern fraß sich in den Boden (was ironisch China-Syndrom genannt wird) und drohte auch noch, das Grundwasser massiv zu verseuchen. Deshalb wurden U-Bahnbauer aus Kiew an die Unglückstelle beordert, die in kürzester einen Tunnel unter das Atomkraftwerk treiben mußten. Dann wurde ein zweites Fundament aus Beton hineingespritzt.

Bis heute sind nach offiziellen Angaben etwa 7.000 Liquidatoren gestorben, die tatsächliche Zahl wird deutlich höher eingeschätzt. Genaue Angaben sind aber schon deshalb unmöglich, weil keine exakten Listen über die an den Aufräumarbeiten beteiligten Arbeiter geführt wurden. Vielfach handelte es sich um Soldaten, die zu Übungen nach Tschernobyl versetzt wurden und kurz danach wieder abkommandiert wurden.

der Reaktor


Der Sarkophag
Innerhalb von 8 Monaten wurde eine Umhüllung aus 300.000 Tonnen Beton und 7.000 Tonnen Stahl errichtet: der sog. Sarkophag. Doch die zweiter Haut um die Reaktorruine war zu keinem Zeitpunkt wirklich dicht und drohte unter der eigenen Last zusammenzubrechen. Heute ist der Sarkophag instabil, einsturzgefährdet und an vielen Stellen zur Umwelt offen.


Ein zweiter Sarkophag
Wegen der Mängel der ersten Hülle und dem ständigen Austritt von Radioaktivität mußte immer wieder nachgebessert werden. Im Juli 1992 veranstaltete die Ukraine einen Wettbewerb für eine zweite Schutzhülle. Dieser Wettbewerb war anfangs bis Dezember 1992 ausgeschrieben, mußte aber bis zum April 1993 verlängert werden. Das ukrainische Ministerium entschied sich schließlich für einen franzöischen Entwurf, der mit 1,3 Milliarden Dollar noch am billigsten war. Diese Umhüllung ist aber bis heute nicht errichtet. Die Situation hat sich bis 1997 nicht geändert. Immer noch wird über Plänen gebrütet und um Subventionen geschachert. Desweilen bröckelt der Sarkophag weiter vor sich hin...

Bis heute wurde kein wirklich sicheres, zukunftstaugliches Projekt zur Abkapselung des Reaktors entwickelt. Die technischen und finanziellen Probleme sind einfach zu groß. Lediglich eine Papierstudie wurde erstellt. Eine dauerhafte Lösung ist illusionär, die Reaktorruine strahlt weiter und verseucht immer mehr Trinkwasser, da auch das Fundament undicht ist.

Noch im Unfalljahr wurden die unbeschädigten Reaktorblöcke wieder in Betrieb genommen. Sie sollen bis weit ins nächste Jahrtausend am Netz bleiben. Nachbesserungen - finanziert von der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten - sichern den Betrieb der Schrottreaktoren.

Chronologisch: